Rezensionen


Hier finden Sie ausgewählte Buchkritiken, die ich u.a. für die Portale versalia.de und lyrikwelt.de sowie das Literaturhaus Wien geschrieben habe. Kurzrezensionen ab sofort auch auf meinem Wordpress-Account.

 

Das über viele Jahre liebevoll von Hans-Werner Gey betreute Literturportal lyrikwelt.de musste Ende Mai 2018 wegen Problemen mit der neuen unsäglichen Datenschutzrichtlinie überraschend eingestellt werden. Neben tausenden von Gedichten von LyrikerInnen aus allen vier Himmelsrichtungen gingen so auch mehrere hundert Rezensionen sang- und klanglos verloren. Deshalb veröffentliche ich an dieser Stelle in losen Abständen vor allem Beiträge, die ich im Laufe der Jahre für die Lyrikwelt verfasst habe.

 

 

Rezension zu: “Australien” von Jan Wagner

Berlin Verlag, Berlin 2010, EUR 18,--

 

“Nicht schon wieder ein Fernwehbändchen” – beim ein oder anderen Leser mag vielleicht das schön und schlicht gehaltene Buch “Australien” des 1971 in Hamburg geborenen Lyrikers Jan Wagner, welches 2010 im Berlin Verlag erschien, diese Erstreaktion provozieren. Auch das den Versen vorangestellte Motto des portugiesischen Dichters Alvaro de Campos, eines der Heteronyme Pessoas, zielt offenbar in diese Richtung: man sei glücklich in Australien, sofern man nicht dorthin fahre. Geht es also womöglich um die Verklärung nicht aus eigener Anschauung erlebter Orte? Wer Jan Wagner kennt, wird diese Möglichkeit sogleich ausschließen wollen. In seinen bisherigen Publikationen hat sich der Autor im Gegenteil vor allem als ein sehr genauer Beobachter vorgestellt, dem es scheinbar mühelos gelingt, von der sezierenden Beschreibung ausgehend zu lyrisch anspruchsvoller Eleganz zu finden. Spekulation ist also nicht Wagners Sache, kann auch verallgemeinert kaum je Sache der Lyrik als Gattung sein. Und doch schlagen wir einen Gedichtband auf, der sich schon durch seine Untergliederung im weitesten Sinne als “Reiseliteratur” definieren lässt: Süden, Westen, Osten, Norden, Australien sind die fünf Kapitel überschrieben, in denen uns Wagner seinen Kosmos aus Tieren, Pflanzen, Persönlichkeiten, Landschaften, Jahreszeiten, Erinnerungen und sanft tastenden Einsichten über das Dasein nahebringt. Dabei sind die Orte stets nur Ausgangspunkt für das genuine innere Erleben. Mit der ihm eigenen Feinfühligkeit und einer metaphorisch eigenständigen Formulierungsweise (“und immer irgendwo ein pasch/ von schafen über den hang gewürfelt:” S.91) fällt es Jan Wagner nicht schwer, den Leser reisewillig zu machen, Reisen, auf denen es um das Entdecken geht, um Erfahrungen, nicht um die Ankuft an irgend einem topografischen Ziel. Dabei geht der Autor unter anderem auch auf Lebensformen ein, die gemeinhin nicht Gegenstand von (ernstgemeinter) Lyrik sind. “zerfällt im maul des karibus/ so kalt und luftig wie ein schneekristall.//wie sie die katastrophen/ verschläft, die dürrezeiten, unbewegt,/ bis sie ein tropfen/ wasser nach jahrzehnten plötzlich weckt.” (S.69). Diese Verse über eine Flechte charakterisieren Abgeschlossenheit, Geduld, das bedingungslose In-Sich-Selbst-Gekehrt-Sein und machen diese Begriffe auf ihre ganz ursprüngliche Weise für uns erfahrbar. Wagner bleibt dabei stets dem Ästhetischen zugewandt, selbst wenn er beispielsweise das Phänomen einer Sonnenfinsternis aufgreift und damit blanken Horror heraufbeschwört: “von dem, was kommen wird, von fremden mächten,// die sich im grenzland sammeln, prophetien/von sieben seuchen, sieben übeln,// von hungerschwärmen, sinkenden profiten,/ dem blut im milchkübel.” (S.82). Wagner ist vordergründig betrachtet kein ausgesprochen “moderner” Lyriker. Aus seinen Versen spricht eine große und ihm offenbar sehr wichtige formale Traditionsbezogenheit. Wir begegnen hier dem Lied, der Ballade, Terzinen, dem Haiku (“ein zug schleppt leuchtend/ seine fenster vorüber,/ gläser voller öl.” S.19) und allen voran immer wieder dem Sonett, die Wagner allesamt aber nicht etwa als vorgefundene Gussformen verwendet, sondern sie sich so subtil für seine sprachlichen Mitteilungen einrichtet, dass sie immer wieder neu aufblitzen und oft nur durch das äußerliche Erscheinungsbild erkennbar werden, im Falle des Sonetts etwa durch die letztlich als verbindlich zu betrachtenden vierzehn Zeilen. Das genau aber ist ein Charakteristikum echter und wohlverstandener Modernität. Wagner spielt gekonnt mit aufscheinenden Reimen und Assonanzen, die jedoch nie irgendwo so stark hervortreten, dass sie aufs erste Lesen als solche ins Auge fallen würden. Er erweist sich einmal mehr als großer Sprachmelodiker, wie in der wunderschönen lyrischen Prosa über den Gecko (S.13), wo es heißt: “ein wandernder riß, der sich hinten schließt, während er in laufrichtung das weiß zerteilt, rot und pulsierend, eine winzige lavaspalte.” Gerade vielleicht auch mit dem Titelgedicht “australien”, in welchem von zwei kleinen Jungen erzählt wird, die der Tristesse ihres Daseins dadurch zu entfliehen trachten, dass sie davon träumen, sich durch ein Loch bis ans andere Ende der Welt zu graben. Dieses Schlussgedicht zielt noch einmal auf das Einende allen Reisens: die Erfahrung, das alles Erfahrbare letztlich in uns selbst ist (oder im Gedicht?). Der innere Kosmos findet sich wieder im äußeren und umgekehrt. Der Band “Australien” ist eine der ganz großen literarischen Freuden der vergangenen Jahre, von einer anrührenden Tiefenschärfe, wie sie leider nur selten den Weg zwischen zwei Buchdeckel findet. Jan Wagner, der übrigens in diesem Winter für ein Jahr als Stipendiat der Villa Massimo nach Rom gehen wird, ist einer der wenigen Autoren, die man nicht unbedingt als Lyriker bezeichnen muss – man darf ihn getrost und im besten Sinne einen Dichter nennen und sich schon jetzt auf die literarische Lese seines Italienaufenthaltes freuen.

 

 

 

© Marcus Neuert, Februar 2011