Rezensionen


Hier finden Sie ausgewählte Buchkritiken, die ich u.a. für die Portale versalia.de und lyrikwelt.de sowie das Literaturhaus Wien geschrieben habe. Kurzrezensionen ab sofort auch auf meinem Wordpress-Account.

 

Das über viele Jahre liebevoll von Hans-Werner Gey betreute Literturportal lyrikwelt.de musste Ende Mai 2018 wegen Problemen mit der neuen unsäglichen Datenschutzrichtlinie überraschend eingestellt werden. Neben tausenden von Gedichten von LyrikerInnen aus allen vier Himmelsrichtungen gingen so auch mehrere hundert Rezensionen sang- und klanglos verloren. Deshalb veröffentliche ich an dieser Stelle in losen Abständen vor allem Beiträge, die ich im Laufe der Jahre für die Lyrikwelt verfasst habe.

 

 

 

Rezension zu: "Zombies“ von A. J. Weigoni

Edition Das Labor, Mülheim 2010, EUR 19.80

 

Ein Kessel Buntes aus der Welt des komplett verrückt gewordenen Alltags: das sind die Untoten, die uns der 1958 in Budapest geborene Düsseldorfer Autor Andrascz Jaromir Weigoni auf 320 Seiten in limitierter Hunderter-Auflage – ja, soll man sagen: aufbahrt? Eher zotteln diese Zombies als gruselige Marionetten vorüber, ein in etlichen kurzen, inhaltlich zunächst voneinander unabhängigen Prosakabinettstückchen von drei bis sieben oder acht Seiten Länge immer wiederkehrendes Personal, an die Strippen des Verfassers gefesselt, der uns an ihnen mit knallhart kalkuliertem Gestus demonstriert, in welch durchgeknallten Zeiten wir leben. Florin, Heiner Zelmer, Zonker, N@sty B., Rainer Ernst, Sharon und Eleonore Knippenkötter heissen seine Figuren und umreissen schon allein damit lautmalerisch und attitüdenhaft, worum es geht: um alles, was schiefläuft in diesem unserem Lande, quer durch alle Schichten. Dabei ist Weigoni fast immer mehr Analytiker als Erzähler, arbeitet sich lustvoll ab an den offenen Wunden der globalisierten Gesellschaft, am Individualitätswahn einer Künstlerclique, die längst keine Relevanz mehr für eine wie auch immer sich zusammensetzende Öffentlichkeit hat, an abstrusen Körperlichkeiten, die Selbstzweck geworden sind, an den zwangsläufigen Verstrickungen von medizinischem Fortschritt, den Gesetzen des Marktes und dem Niedergang des Menschlichen. Der Erzählrahmen dient ihm nur als literarisches Alibi für seine Anklage, die er explizit nicht nur beschreibt, sondern auch lustvoll und gnadenlos kommentiert. Weigoni begreift das Genre der erzählerischen Prosa als Erweiterung des Essays, versucht permanent, „narrativen Zwängen entgegenzuschreiben“, wie er es selbst einer seiner Figuren in den Mund legt. Das kann letztlich, wenn auch auf zugegebenermaßen sehr hohem Niveau, nur scheitern. An keiner Stelle stellt sich so etwas wie ein subjektiver Lesegenuss ein. Gut, dazu ist schließlich kein Autor verpflichtet. Doch da Weigoni augenscheinlich jegliche Pose verhasst ist, kommt keiner seiner Protagonisten und Randfiguren je zu einer uneingeschränkt positiven Beurteilung. Alle werden von ihm entweder als oberflächlich, exaltiert, gefallsüchtig oder tumb abgekanzelt. Ironischerweise führt gerade dieser Umstand in Verbindung mit der gedrechselt wirkenden, aphoristisch aufgeladenen Sprache dazu, die Erzählungen Weigonis selbst als posenhaft und eigenverliebt wahrzunehmen. Weigoni seziert sprachlich alles Menschliche in schonungsloser Genauigkeit. Sein glitzernder, kalter Intellekt, der aus jedem seiner Prosastücke hervorblitzt, wirkt nur mit fortschreitender Rezeption immer unsympathischer, weil ihm eine nur schwer erträgliche Form von abgrundtief entäuschtem Zynismus innezuwohnen scheint. Dennoch faszinieren seine Sprachakrobatik und seine treffsicheren Entlarvungen auch immer wieder, vor allem, wenn er seine kritische Betrachtung auch einmal augenzwinkernd und weniger kategorisch zu verpacken weiß (was ihm offensichtlich leider nicht oft wichtig gewesen zu sein scheint), selbst wenn er sich dann auch schon mal eine fremde Feder in den literarischen Schopf steckt: „Er beherzigt dabei, dass man Menschen so elegant über den Tisch ziehen muss, dass die dabei entstehende Reibungshitze als Nestwärme empfunden wird.“ Diesen Kalauer, inklusive der doppelten Konjunktion, kannte man auch schon vorher. Doch gelingen Weigoni auch so klare, unverstellte Sätze wie derjenige über die Exponenten der Hypermoderne: „Was diese Menschen ihr Leben nennen, ist eine Karaoke-Veranstaltung mit Liedern, deren Texte andere geschrieben haben, mit Träumen, die sich andere ausgedacht haben.“ Treffende Charakterisierungen des Weigoni’schen Duktus’ bieten auch die folgenden Originaltextstellen, mit denen der Autor ganz abgesehen vom eigentlichen Zusammenhang auch auf seinen literarischen Antrieb und seinen Schreibstil hätte verweisen können: „Ernie ist kein hassdurchfurchter Typ, aber er macht fortwährend gehässige Beobachtungen, die alle auch noch stimmen.“ Oder: „...ein Orgie der Exaltation, die jede Minute mit einer neuen Atemlosigkeit verblüfft.“ Letztere lähmt das Lesen vor allem dann, wenn die beschriebenen Protagonisten herkunfts- und/oder bildungsbedingt nur Rudimentärdialoge zu führen imstande sind, von der die Geschraubtheit der Weigoni’schen Erzählsprache umso irritierender absticht. Und doch: bei allen stilistischen Ungereimtheiten, bei aller Fragwürdgkeit der erzählerischen Grundhaltung ist Weigoni mit „Zombies“ ein eigenwilliges literarisches Zeugnis der Nachmoderne gelungen: schnell und von durchschlagender Wucht wie ein Maschinengewehr, scharf wie ein Skalpell, ein Vexierspiegel, aus welchem den Leser auch immer wieder sein eigenes verzerrtes Konterfei anbleckt.

 

(auf lyrikwelt.de im Dezember 2010)