Textauswahl


Hier finden Sie nun nachstehend einige literarische Kostproben. Die Auswahl wird von Zeit zu Zeit aktualisiert, auch teils mit noch unveröffentlichtem Material. Mehr auch auf meinem Wordpress-Account. Also ab und an mal vorbeischauen!

 

 

Anagrammatische Miniaturen als poetisches Konzept

 

Als ich in der Vorweihnachtszeit 2013 erstmals damit begann, mich aus einer Spiellaune heraus mit den Möglichkeiten der Verarbeitung von Anagrammen in Gedichten zu beschäftigten, war ich schnell verblüfft von der Wirkung der skurrilen Ergebnisse auf mich und andere. Das Moment des Komischen stand zunächst eindeutig im Vordergrund. Das heitere Umgruppieren der Buchstaben von "es ist ein ros entsprungen" zu "nein sport ist unser segen", ein "osmanisches reich", welches sich rückstandsfrei in eine "scheissmonarchie" umwandeln ließ oder auch eine "angela merkel", die "klare maengel" aufwies, zeigten mir aber früh, dass in den Worten Implikationen versteckt sind, ganz neue und ungewohnte Sinnmuster, die für das Verfassen von Lyrik von Bedeutung sein könnten. Sie legten von Beginn an eine Spur der Inspiration, ließen mich Fährten aufnehmen, die nicht selten nach unzähligen Stunden in enttäuschende Sackgassen führten, aber in einigen Fällen auch ganz erstaunliche Permutationen erlaubten, die in ihrer Hintereinanderschaltung eine Art semantischer Inselketten erzeugten, freilich ohne dabei ganze zusammenhängende Texte zu bilden. Da entstand etwas Mehrdeutig-Geheimnisvolles, und ich bemerkte, wie die ganz eigene Magie der Gestaltbarkeit von Lyrik durch Anagramme offenbar an die Wurzel aller Poesie, an Rituelles, Schicksalhaftes, letztendlich an uralte Traditionen von Zaubersprüchen rührte.

 

Den Prozess des Verbindens dieser Inseln durch poetische Brücken und Stege aus frei zu wählenden Worten sehe ich inzwischen als formbewusstes und gleichzeitig sinnbildendes, aber im wesentlichen ergebnisoffenes lyrisches Verfahren an. Die gefundenen anagrammatischen Inseln sind insofern Form als sie durch ihr relativ regelmäßiges Auftauchen im Text strukturbildend wirken wie beispielsweise Reime, aber mit ihrer viel komplizierteren Lautlichkeit dennoch neu und unverbraucht wirken können. Die erwähnte Sinnbildung soll nicht überbetont werden - selbstverständlich kann mit den Anagrammen auch Nonsenspoesie verfasst werden. Doch die herausgelösten Bedeutungsinseln beeinflussen in jedem Falle die inhaltliche Richtung des entstehenden Gedichtes. Es handelt sich hierbei gerade nicht um eine Form der écriture automatique, also des sich quasi von selbst schreibenden Gedichtes, wie vielleicht anzunehmen wäre; vielmehr unterstützt das Verfahren einen von der bzw. vom Verfassenden schrittweise zu entwickelnden poetischen Plan. Es verlangt Konstruktion, aber nicht aus dem Nichts, sondern mithilfe einer bestimmten, festgelegten Anzahl und Beschaffenheit von vorhandenen Zeichen. Das stellte mich teilweise vor nicht geringe Probleme, wenn etwa die jeweils entstehenden Flexionen der Worte genau so übernommen werden und dadurch Satzbauten komplett umgestellt werden mussten. In einem Gedicht fragte ich vor Jahren in Anlehnung an Houellebecq: "Was war zuerst da, / die Karte oder das Gebiet?" Ich glaube, die Frage für mich inzwischen beantworten zu können: es scheint mir ziemlich eindeutig die Karte zu sein. So legitimiert sich das anagrammatische Moment als Träger des eigentlich Künstlerischen, in dem Welt nicht abgebildet, sondern erschaffen wird. Dass dieser "Schöpfungsakt" sich auf sehr unterschiedlich Weise manifestieren kann liegt dabei auf der Hand. Nicht selten musste ich mich zwingen, gerade besonders plakative und bedeutsame Anagramme beim Verfertigen von Gedichten außen vor zu lassen, die im Ergebnis zu einem allzu manierierten Ausdruck des Komödiantischen geführt hätten. Wie bei jedem bewussten Schreiben hat die oder der Schreibende die Fäden des Stils und der Fallhöhe der Verse in der Hand. Es entscheiden letztendlich Geschmack und Erfahrung. Vielleicht ist das Verfahren der Verbindung angrammatischer Inseln vergleichbar mit dem Entstehensprozess der Gedichte einer Herta Müller, die Worte aus Printmedien ausschneidet und in neuer Kombination aneinanderklebt. Auch hier entscheidet ja, zumindest in der Regel, nicht ein bereits fertig gedichtetes lyrisches Gebilde über die Anordnung der auszuschneidenden Worte, sondern die Fundstücke inspirieren im Gegenteil gerade den Weg und die Zusammensetzung des Gedichtes (wobei bei dieser ja auch stark visuell geprägten lyrischen Verfahrensweise zudem Größe, Form und Farbe der Wortschnipsel oder ihrer Hintergründe eine nicht unwesentliche Rolle spielen dürften). Auch hier gilt, dass Beliebigkeit zu nichts führt und Konstruktion unerlässlich ist.

 

Im Fall von komplett auf Anagrammen basierenden Gedichten, wie sie bereits die auch als Grafikerin und bildende Künstlerin hervorgetretene Unica Zürn ab den 1950er Jahren zur (inzwischen leider weitgehend vergessenen) Meisterschaft gebracht hat, muss jene Engführung von Stoff und Inspiration erfolgen, die im Endergebnis ihre künstlerische Zwangsläufigkeit enthüllt, um ihre poetische Wirkung entfalten zu können. Die Möglichkeiten sind in der Regel begrenzt, so dass diese rigide Limitierung der Mittel rasch zu einem Gefühl des Eingeengtseins führen kann. Nur wenige ernsthafte PoetInnen haben sich dauerhaft auf diesen Weg gemacht. Zu nennen wäre etwa Titus Meyer, der nicht zuletzt für seine schier unglaublich langen Palindrome, also ganzen Texten, die von vorn und hinten gelesen gleich lauten, bekannt geworden ist. Auch ich habe mich immer einmal wieder darin versucht, komplett in Anagrammen zu schreiben; die Mehrzahl meiner Gedichte bedient sich jedoch der beschriebenen "Insulartechnik", die durch die freien Interpolationsmöglichkeiten zwischen den anagrammatischen Permutationen eine deutlich größere kompositorische Beweglichkeit verspricht.

 

Es bleibt eine Frage, die ich bisher für meine Lyrik noch nicht abschließend beantworten konnte, nämlich die nach der Kennzeichnung der anagrammatischen Fundstücke. Sie ist einerseits eigentlich vollkommen verzichtbar, denn ein Gedicht muss auch ohne einen Hinweis auf formale Kriterien "funktionieren". Wenn es nicht klingt oder abgegriffene Bilder transportiert, nützt ja auch eine Betonung der zugrundeliegenden strukturellen Kunstgriffe nichts. Es gibt jede Menge schlechter Sonette; Form-Sonette sind es dann aber gleichwohl, wenn sie vierzehn Zeilen aufweisen und vielleicht entsprechende Reimkriterien erfüllen. Und doch würden Lesende dieser anagrammatisch infizierten Gedichte umgekehrt kaum überhaupt auf das ihnen zugrundeliegende Prinzip aufmerksam. Es fehlte ihnen so eine vielleicht nicht unwesentliche Zugangsmöglichkeit zum Text, ein Hinweis auf seine Entstehungsbedingungen. Ich habe mich einstweilen entschieden, eine Hervorhebung durch Schrägstellung der entsprechenden Worte zu bewerkstelligen. In einigen vorab in Anthologien oder Literaturzeitschriften erschienen Texten wurde darauf verzichtet oder aber Fettdruck, Versalien o.ä. für die Kennzeichnung verwendet. All das fand ich nach einiger Zeit nicht mehr wirklich angemessen, freilich ohne eine unumstößliche Letztbegründung dafür ins Feld führen zu können. Bereits bei ersten Computerabschriften experimentierte ich mit Schattenwürfen, Spiegelungen und anderen grafischen Hilfsmitteln, nur um letztendlich wieder auf die kursiven Einsprengsel zurückzukommen. Also wird es - vorläufig - wohl dabei bleiben.

 

(aus einem noch unveröffentlichten Essay über meine lyrischen Arbeiten)

 

 

Mutmaßungen über Madeira

 

alle Sätze enden auf etwas wie mischmaschin, madeirensische Nuschelsuppe, sogar die Ortsteile heißen zum Verwechseln ähnlich, und irgendwer hat die Wegweiser verdreht, so dass das Wasser in den Levadas nun aufwärts fließt. Befürchtet man eine Invasion? Jünglingsköpfe bewachen alle vier Ecken der Dächer. In winzigen Häusern verbirgt sich die Post, illustriert das Marginale privater Debatten, und alle Familien scheinen correio zu heißen, untrügliches Zeichen für ländlichen Inzest. Vor dem minimercado steckt man die Köpfe zusammen, ein 3-D-Puzzle als Abbild verschworener Gemeinschaft. Die Gasflaschen stehen stramm, eine blaue Kohorte, bereit jederzeit hochzugehen. So könnte Atlantis versunken sein. Alle Flieger zum Festland sind auf Wochen hinaus ausgebucht.

 

(aus dem "Irrfahrtenbuch", Bonn 2015)

 

 

Spätherbstgirlande

 

gesetzt, noch wäre es warm,

dort wo wir säßen, wo wir äßen,

vergäßen, wo wir sinnierten,

spintisierten, den Tag filtrierten.

Der Herbst wäre ein graues Tuch,

ein Fluch auf der Suche nach Sucht,

auf der Flucht vor den Dingen,

die andre uns brächten,

die nicht gelängen,

blieben wir im Konjunktiv.

So bleiben wir im Mief,

im Präsens des Möglichen

[und schon wieder vorbei],

setzen uns, haben uns gesetzt.

 

(aus der "Poesie-Agenda", Oberegg 2015)

 

 

obskure narrative

 

das haupt umschlingt sein varikoeser turban, und

seinen worten geht stets intensive kernarbeit voraus.

er ist der vater rabiater kurse von grosser kraft,

das halbe viertel legt koranversabiture bei ihm ab.

knastbrauerei vor monochromer altmetallidylle,

das kranbaurevier ost hat laenger schon geschlossen.

in dieser ramschkulisse entstehen sie: obskure narrative.

ein jeder von uns sei ein teurer kaviarsnob ohne gott.

derweil klebt eine kruste vor arabien: die gefluechteten,

die ohne visa retourbarken über die aegaeis nahmen.

das personal dieses bravoureinakters aus dem kohlenpott

kennt auch die gegenspieler, braune ortsvikare,

die altparolen wiederholen und im vater-unser-kabrio

braven saurierkot skandierend eine no-go-area passieren.

auch sie verbreiten obskure narrative, die im kopf

wie klebstoff sind, krause abortviren aus den denkpanzern

der reaktion, die einstens kuba vorn rasierte und heute

bravo, restukraine schreit. die welt bleibt, wie sie ist,

und der tuerkeibasar vorn an der ecke handelt vor sich hin,

als ob nichts waere. der premiumhueter unsrer oberaktiva

ist gleichzeitig von ikarus berater fuer den sonnenstand.

im mob macht sich der virtuose knabe rar. doch wabern

nun obskure narrative, wo frueher unser resthirn war.

 

(aus der Literaturzeitschrift "Fettliebe", Leipzig 2016)

 

 

haargenau mitlesen

 

schon als alte achtundsechziger noch voll unter marihuana segelten

und brave buerger am gemeinen hausaltar gebete sprachen,

frassen wir dem volk im senegal humanitaer den fischfang weg

und schenkten ihm dafür armenhausgelatine, westfalens goetterspeise.

wir stellen in schicken lagerhausmatineen afrikas kuenste vor,

derweil der eine oder andere mal eben seine einnahme auslagert,

erschrecken ueber mauretaniens hagel, der in fluechtiger form

ueber uns kommt wie marginales haeuten oder fliegenplage,

uns kopfschmerz macht um unsere muehsalgarantieen.

doch wer germanien aushaelt, der kann auch migraene aushalten.

es ist der waffenhandel, der unsern namen saeurehaltig macht.

niemand kann sich reinwaschen, es ist die sanitaere laehmung aller.

wie he-man, saeulenartig stehen wir in selbstentfachten feuern.

haargenau mitlesen. aufhoeren, unsere seele zu verscheuern.

 

(aus der Literaturzeitschrift "Tentakel", Bielefeld 2017)

 

 

gedunsenes rot. tosendes gruen

 

jeden mai sich dem steuernden sog der farben hingeben. stur endogenes, rezeptionsbasiertes schauen. ist das ein erleben der gesunden sorte? es duengt rosen, das alte hilfskonstrukt, bis duenste en gros die farben duften lassen. so rege stunden, die desto enger uns schnueren. aus vogelkehlen regnet es sound, gruesse ihn, gruesse den ton. die grossen deuten es wie sie wollen, als sorgten sueden und lenz fuer verwirrung, sprechen sie gar von edens stoerung. unser sog endet dagegen wie er begann: gedunsenes rot. tosendes gruen. und eros' gesten, eine stereosendung unserer sinne. nur todessegen woege schwerer. doch diesen duesteren song singt niemand im mai.

 

(aus der Anthologie "Versnetze_elf", Weilerswist 2018)

 

 

hinter dem Zuckerberg

 

hinter dem Zuckerberg schmeckt die Welt süß. Hinter dem Zuckerberg scheint immer eine südliche Sonne. Hinter dem Zuckerberg liegen Geheimnisse ganz offen herum. Hinter dem Zuckerberg wird kein Risiko eines Scheiterns eingegangen. Hinter dem Zuckerberg finden sich jede Menge vorgefertigter Gesichter. Hinter dem Zuckerberg wird nicht mehr diskutiert. Hinter dem Zuckerberg sammelt sich keine Poesie. Hinter dem Zuckerberg werden Assoziationen abgetötet wie Keime. Hinter dem Zuckerberg wird alles, was keinen Gewinn abwirft vor den Zuckerberg zurückgespiegelt. Vor dem Zuckerberg ist alles möglich und wird fast nichts versucht.

 

(aus der Anthologie "Sprachflüsse, uferlos", Pelpin 2018)