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Hier finden Sie nun nachstehend einige literarische Kostproben. Die Auswahl wird jeweils aktualisiert, auch teils mit noch unveröffentlichtem Material. Mehr auch auf meinem Wordpress-Account. Also ab und an mal vorbeischauen!

 

 

1973

 

Korbinian ist in der Badewanne, draußen ist Sommer, und schräg scheint die Abendsonne durch das Badezimmerfenster, das Licht spielt auf dem Schaum, und Korbinian träumt, während mit polterndem Strahl das Wasser aus dem Hahn zuläuft. Er kniet in der Wanne, das Wasser ist noch diese Spur zu heiß, um sich richtig hinzusetzen, ganz einzutauchen, aber wohlig heiß, so dass sie Gänsehaut erzeugt, als ob es kühl wäre. Er träumt von Isabel. Isabel Degenstolz. Sie ist seine Klassenkameradin, sie hat einen schweren braunen Zopf, Sommersprossen und irgendwie ein bisschen zu große obere Schneidezähne. Man sieht sie immer, auch wenn sie nicht lacht oder redet. Vielleicht ist ihre Oberlippe ein bisschen zu kurz. Während das Wasser um Korbinian herum in der Wanne ansteigt, versucht er sich wie Isabel zu fühlen. Er schiebt seine Nase mit dem Zeigefinger ein wenig nach oben, verkürzt damit seine Oberlippe, prüft die Wirkung in einem kleinen Handspiegel der Mutter, der auf dem gekachelten Kopfteil der Wanne liegt. Sie sieht niedlich aus, denkt er, wie ein kleiner Hase. Und so sehe ich jetzt auch aus.

Das Prickeln auf der Haut lässt ein wenig nach, und Korbinian beschließt, dass es nun Zeit ist, die Beine in der Wanne auszustrecken und den wohligen Schauer zu genießen, der ihm dabei durch die Glieder fährt. Degenstolz ist ein komischer Name, denkt Korbinian, aber Isabel ist schön. Also, der Name. Also, das Mädchen natürlich auch, aber dass er das so empfindet, das würde er nie, nie jemandem erzählen. Auch Isabel nicht. Ihr schon gar nicht. Oder seinem oberschlauen Bruder, der ihn statt Korbinian immer Bienchen nennt. Isabel sagt das nicht, sie ist immer nett zu Korbinian, sie hat ihn sogar zu ihrem Geburtstag eingeladen, da waren lauter andere Mädchen, und alle haben sie fröhlich miteinander gespielt. Warst Hahn im Korb, hat der Vater gelächelt, als Korbinian davon erzählt hat. Benedikt hat natürlich wieder grobe und abfällige Bemerkungen gemacht: ah geh, Bienchen, sind eh nur Weiber, die kannst vergessen. Aber Korbinian vergisst nicht, und schon gar nicht Isabel und ihre zu kurze Oberlippe über den zu großen Schneidezähnen.

 

(aus einem längeren, noch unveröffentlichten Prosatext)

 

 

 

abschließendes Senryu

 

Fisch ohne Fahrrad

Sack Reis fällt um in Japan

ich bleibe im Land

 

(aus dem "Irrfahrtenbuch", Bonn 2015)

 

 

 

kleine Gymnastik

 

meine Augen, die

den Dingen zusehen

beim Einstauben

 

mein Leib, dem

es genügt, einen

Schatten zu werfen

 

mein Hintern, in dem

friedlich die

Hummeln schlummern

 

(aus der "Poesie-Agenda", Oberegg 2015)

 

 

 

deutschlandfahne

 

auf deiner handflaeche dunst, wenn sie um die deutschlandfahne stehen.

die bullen schlichten hier nur lauchstandfehden auf dem wochenmarkt.

parfuemerien werden hier sehr bald in duftsachenhandel umbenannt.

landschaft und ehe sind die themen, bei denen die majuskeln zucken.

letztens verschwanden hier elf fremde. nun graben sie in feuchtsandhalden,

und sobald ein schaedelfund naht, schlagen die datenhunde falsch an.

du moechtest schwaenzen, dich erbrechen, im handstand flueche tourettieren.

in der fehlstunde danach zaehlst du elf handtaschen auf dem ruecksitz

der bullenminna im voruebergehen. da handeln schufte. schwarzweissrot

und suendhaft lachend plaerrt ein promi bild dir deine meinung vom plakat.

der magistrat verlautbart, dass es sich lediglich um eine fundsache handelt.

ein tag mit deutschlandfahne, der schwarzrotgold beginnt und aschfahl endet.

 

(aus der Literaturzeitschrift "Fettliebe", Leipzig 2016)

 

 

 

hessisch-sibirien

 

bisschen rausgehn war noch drin, bisschen

grau sehn. aus der hoehe fiel schon ein

schneegruss hinab, mit winzigen stoer

sendern russisch behangen. sich ins gras

huebschen war noch moeglich, so ein sahniges

schubern in den abschussgehirnen. richtig gut

war das, bisschen rausgehn, auch wenn der

sehsinnsgebrauch schon getruebt schien. bis

hernach genuss eintrat, uebten wir basisches

hungern. jemand hub sargschneisen aus,

und aus der hoehe fiel uns ein bergschuh,

nass. eng. braun. hessisch.

 

(aus der Anthologie "Versnetze_zehn", Weilerswist 2017)

 

 

 

wir schaffen das

 

wir schaffen das: ob davon der fasan fesch wird?

auch fachwissen darf gern dabeisein. schaff was, inder

sagte mutter, schaff was, dirne, dann wird das schon.

das riff waschen tut solang der weisse mann, der gute.

wir schaffen das: hier dies zerzauste faserwindschaf,

das nur noch farnwischfades fand und keine wiesen.

dort einer, der was fischen darf in toten tuempeln.

und da graffiti, der rasche wandsiff, also kunstersatz.

das schaffen wir, so sagte sie, ist auch der frassfeind wach:

mir muellers kuh, dir affes schwan. wer teilt wird reich.

bis ich vor eine schiffswand rase. darauf die mutter

leichenblass: das schaffen wir. wir schaffen das.

 

(aus der Literaturzeitschrift "Tentakel", Bielefeld 2017)